Mit Dave von Calexico nach Phoenix

Werbung für die Fernsehdebatte zwischen John McCain und Barack Obama, Phoenix, 15. Oktober 2008. (Bild Manuel Gnos)

Werbung für die Fernsehdebatte zwischen John McCain und Barack Obama, Phoenix, 15. Oktober 2008. (Bild Manuel Gnos)

«Barack Obama macht mir Angst. Er erinnert mich an Hitler.» Dave sitzt neben mir im Greyhound-Bus von Calexico (Kalifornien) nach Phoenix (Arizona). Wir haben mehrere Stunden Verspätung, weil wir aufgrund der Waldbrände bei San Diego einen Umweg fahren müssen.

Dave ist auf dem Rückweg von Nordkalifornien nach Phoenix, wo er zurzeit noch wohnt. «Ich werde aber in Kürze nach Nordkalifornien ziehen, in die Wälder.» Dort will er als Selbstversorger leben, schliesslich kenne er sich aus mit Pilzen, er könne jagen und wisse, wie man Kleider näht.

Dave, der mir seinen Nachnamen und sein Alter nicht nennen will, ist schätzungsweise 55jährig und erinnert mich in seinem Äusseren an Pfarrer Ernst Sieber: Er hat ein runzliges Gesicht, einen gelassenen Gesichtsausdruck, einen wilden Bart und struppiges Haar, wenn auch mit auch gekraust.

Dass ihn Obama an Hitler erinnere, meint er ernst: «Hitler hat damals die Macht mit Hilfe der Reichen übernommen, die glaubten, diesen Einfaltspinsel kontrollieren zu können.» Das sei exakt die Taktik, die Obama anwende. Und wie Hitler, werde dieser sein Land ins Verderben stürzen. «Deshalb warte ich sehnlichst auf seinen Nachruf.»

In Phoenix arbeitet Dave für eine Firma, die Wasserstoffantriebe für Autos produziere. Er habe ein simples Verfahren entwickelt, mit dem man jedes Auto mit einem solchen Antrieb ausrüsten könne. «Jetzt mache ich mich selbständig, um mein Produkt verkaufen zu können. Nicht weil ich die Umwelt retten will, sondern weil die Leute es satt haben, 3 bis 4 Dollar pro Gallone Benzin zu bezahlen.»

Mit Umweltschützern hat er nichts am Hut. Während eines halbstündigen Stopps unseres Busses stehen wir auf einem Parkplatz irgendwo in der Wüste herum, und Dave zählt etwa ein Dutzend Fälle auf, in denen Umweltverbände sinnvolle Projekte verhindert hätten.

«Wir wären besser dran ohne die. Und weisst du, um die Klimaerwärmung zu stoppen, sollten wir einfach den Wald am Amazonas niederbrennen, denn dieser Wald ist verantwortlich für rund einen Drittel unserer Umweltprobleme.» Sagts und dreht sich ab, um den Busfahrer daran zu erinnern, dass ein Kerl aus San Francisco noch nicht hier sei und wir deshalb noch nicht abfahren könnten.

Wieder im Bus frage ich Dave, ob John McCain (der für Arizona im Senat sitzt) einen guten Präsidenten abgeben würde. «Ja, unbedingt. McCain hat alle Fähigkeiten, die USA von den lösbaren Probleme zu befreien – welche auch immer das sein mögen.» Obama hingegen, dieser Liberale, dieser Marxist, dem traue er nicht: «Er ist ein Muslim. Er gibt sich mit diesem Terroristen William Ayers ab. Er wurde 20 Jahre von Pfarrer Jeremiah Wright indoktriniert, der den Hass gegen die Weissen predigt.»

Von George W. Bush ist Dave enttäuscht, «weil er nicht hingestanden ist und seine konservativen Werte verteidigt hat», sagt er in seiner ruhigen und unaufgeregten Art. «Die Liberalen im Kongress haben die letzten zwei Jahre darauf hingearbeitet, die Wirtschaft dieses Landes zu Grunde zu richten.»

Auch seien es die Liberalen in den Vorständen von Freddie Mac und Fannie Mae, die den Menschen hier vorgegaukelt haben, sie könnten sich Häuser kaufen, die sie eigentlich gar nicht vermögen. «Damit haben die Liberalen das Terrain für die Machtübernahme vorbereitet und die Schuld am Wirtschaftscrash Bush in die Schuhe geschoben. Und dieser Mann steht nicht hin und sagt, wie es wirklich war. Kläglich. McCain hätte das nie zugelassen.»

Irgendwie schafft Dave hier den Sprung zur Diskussion über die Evolutionstheorie und den Kreationismus. Ausführlich versucht er mir klar zu machen, dass die Evolutionstheorie kompletter Humbug sei und es keinen einzigen Beweis dafür gebe. Verstanden habe ich davon kaum etwas. Ausser dies: «Hast du von diesem Dinosaurier-Skelett gehört, das angeblich über Millionen von Jahren erhalten wurde? Alles Blödsinn. Älter als ein paar Tausend Jahre ist das Ding nicht.»

Wir kommen mit sechs Stunden Verspätung in Phoenix an und werden beide etwas unruhig, weil die zwei Kerle, die das Gepäck aus dem Bus laden sollen, unfähiger nicht sein könnten. Michael, der die selbe Reise hinter sich hat wie wir, sagt aufgebracht, dass das bei ihm in Chicago in zehn Sekunden erledigt gewesen wäre.

Als wir alle unsere Taschen haben, winkt Dave, der ehemalige Taxifahrer mir ein Taxi herbei und sagt dem Fahrer, er solle mich nicht übers Ohr hauen: «Mehr als 30 Dollar kostet die Fahrt nach Scottsdale nicht! Und pass auf dich auf. Ich wurde vor sieben Jahren bei diesem Scheissjob niedergestochen und war 30 Minuten ohne Puls.»

Wir fahren los. Im Radio läuft eine Show, in der der Moderator und ein Anrufer Barack Obama (BHMO, wie sie ihn nennen), mehrmals mit Hitler vergleichen. Der Name des Moderators: Tom Sullivan.

Eine knappe halbe Stunde später liege ich endlich auf meinem Bett im Motel 6. Die Fahrt hierhin hat mich 29 Dollar plus 15 Prozent Trinkgeld gekostet.

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