Ein amerikanischer Quilt

Neben den diversen längeren Interviews, die ich zu den bevorstehenden Wahlen in den USA geführt habe, gab es immer mal wieder kürzere Gespräche – mit Leuten an der Bushaltestelle, mit Taxifahrern, mit der Verkäuferin im Kiosk der Greyhound-Station von New Orleans und mit dem Motelangestellten in Calexico.

Zudem habe ich einige Gespräche am Nebentisch im Café um die Ecke oder in der Bussitzreihe hinter mir mitbekommen. Was davon hängen geblieben ist, versuche ich nun zusammenzufassen.

Der Junge, der in Calexico die Motelréception beaufsichtigte, ist gerade erst 18jährig geworden. Er hat sich aber, wie er mir erzählte, umgehend für die Wahlen registriert; obwohl er noch nicht wisse, wem er seine Stimme geben werde. «Vermutlich werde ich aber Obama wählen, denn das macht bestimmt viele Leute ziemlich wütend.»

Die Kioskfrau in der Greyhound-Station von New Orleans brummelte einige Schimpfwörter vor sich hin, während sie das Rückgeld aus der Kasse nahm. Erst in diesem Moment wurde mir bewusst, dass im Radio eine Rede von Barack Obama lief. «Wissen Sie, die Leute glauben, das sei der Messias!»

Bis vor einem Monat habe sie das auch geglaubt. «Doch ich habe eine sehr enge Verbindung zu Jesus, und er hat mir gezeigt, was passieren wird, wenn Obama Präsident wird.» Was wir denn zu befürchten hätten, fragte ich sie: «Unser wundervolles Land wird zugrunde gehen! Aber ich bete täglich mit drei meiner Freundinnen, die ebenfalls eine Gabe Gottes haben. Wie ich.»

Als weitere Kunden den Kiosk betreten, bricht die Frau ab. Sie flüstert mir noch zu, dass sie aufpassen müsse. Man wisse ja nie, was diese Obama-Befürworter im Schilde führen. Sie drückt mir die Flasche Wasser in die Hand und gibt mir ein «god bless you» mit auf den Weg.

Das erinnerte mich an einen Mann, den ich Wochen zuvor in San Francisco getroffen hatte. Sein Name war Nick (oder Mike, leider erinnere ich mich nicht mehr genau). Nick erklärte mir, dass es keinen Zweifel gebe, dass Obama in Kalifornien und speziell in San Francisco gewinnen werde.

Ohio, wo er aufgewachsen ist, werde eventuell auch Obama wählen. «Aber wir lebten an der Grenze zur Hölle: Kentucky. Es kamen sogar ein paar Kinder aus der Hölle zu uns in die High School.» Wohin diese Stimmen gingen, sei ebenfalls klar. Er schloss seine Ausführungen mit einem Satz, der sich gut auf einem T-Shirt machen würde: «God bless 51% of America!»

In Memphis sprach mich mitten auf der Strasse mitten in der Nacht ein Schwarzer an, der mir erklärte, er sei Musiker und Soldat. In zwei Wochen müsse er zurück nach Afghanistan. Es sei richtig gewesen, in diesen Krieg zu gehen, ebenso in Irak. «Aber dann hat die Regierung einige vollkommen falsche Entscheidungen getroffen. Eine Katastrophe!»

Trotzdem werde er nicht Obama wählen, «denn er hat einfach nicht genug Erfahrung». Da sei ihm John McCain lieber. Als ich zu meinem Motel abzweigen muss, fängt er mit einer Geschichte an von zwei Kindern und seiner Frau, die gerade operiert wurde. Nun müsse er vom Spital acht Meilen nach Hause gehen. Ob ich ihm nicht etwas Geld fürs Taxi hätte. Mit den drei Dollar, die ich noch im Sack hatte, wird er nicht weit gekommen sein.

Dann war da noch der Taxifahrer in Phoenix (Arizona), der laut lachte, als ich ihn gefragt habe, für wen er stimmen werde. «Sicher nicht für John McCain!» Der komme zwar aus Arizona, werde aber den Krieg in Irak nicht beenden. «Wir müssen da endlich raus! Und von Obama erhoffe ich mir, dass er das wirklich durchzieht.» Er habe sich alle drei Debatten angesehen und sei überzeugt, dass Barack Obama ein hochintelligenter Mensch sei, der sein Land vorwärtsbringen wolle.

Heute habe ich hier in St. Louis (Missouri) dem Gespräch von zwei Männern am Nebentisch zugehört. Der eine, Jim, hatte Malerhosen an, die mit Farbe vollgespritzt waren. Der andere hatte einen Anzug an und stellte sich als ein Helfer des McCain-Trosses hier in Missouri heraus.

Jim fragte den Anzug, wie die Wahl ausgehen werde. Dieser antwortete: «McCain wird hier mit einem Vorsprung im zweistelligen Bereich gewinnen. Keine Frage!» Vor mir stand mein Laptop. Ich surfte zur Website der lokalen Tageszeitung, wo die aktuelle Umfrage 48 Prozent der Stimmen für Obama vorhersagte, während McCain 47 Prozent der Stimmen erhalten wird. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass ein alter Politfuchs die bessere Prognose macht als alle noch so elaborierten Umfragen.

Auf der Fahrt von New Orleans nach Memphis sagte eine schwarze Frau zu ihrer Sitznachbarin (ebenfalls eine Afroamerikanerin), dass Barack Obama nicht das Zeug für einen Präsidenten habe. Ihre Gesprächspartnerin war entsetzt: «Listen, sister! Ich glaube sehr wohl, dass er ein grossartiger Präsident wäre.» Es sei wichtig für dieses Land, jemanden im höchsten Amt zu haben, der die Leute inspiriere. «Sonst versinken wir noch tiefer im Sumpf!»

All ihre Anstrengungen aber nützten nichts. Die Zweiflerin war nicht zu überzeugen: «Es bleibt dabei. Ich werde nicht stimmen gehen.»

Nachtrag 1: Ein Lesenswerter Beitrag in der «Zeit».

Nachtrag 2: Gestern Abend habe ich im Hostel Ray getroffen, der als Übersetzer von lateinischen Texten ins Englische sein Geld verdient. Er sagte, er sei ein zutiefst konservativer Mensch und bevorzuge ganz klar McCain. Sarah Palin jedoch sei eine Schande. «Ich hoffe, dass die Menschen, die wegen ihr aus den Wäldern gekommen sind, nach den Wahlen genau so schnell wieder dorthin verschwinden.» Da Ray ständig unterwegs ist, um College-Studenten im ganzen Land die Aussprache von Latein beizubringen, wird er nicht wählen gehen. «Es war einfach zu viel Aufwand, das vorgängig zu organisieren.»

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