Palin macht Halt in Missouri

Sarah Palin ist die umstrittenste Person im aktuellen US-Wahlkampf. Der Republikaner John McCain hatte mit ihrer Ernennung einen Coup gelandet. Bald aber sprachen ihr Politiker beider Parteien sowie Journalisten aus dem ganzen Land die Qualifikation für das Amt der US-Vizepräsidentin ab. Das jedoch spielt weiter keine Rolle, denn dass Palin auch auf einfache Fragen keine substantiellen Antworten geben kann (Video 1, Video 2), stört ihre Fans überhaupt nicht.

Letzte Woche hielt Sarah Palin in Cape Girardeau im heiss umkämpften Bundesstaat Missouri eine Wahlkampfrede. «Bereits um 5 Uhr in der Früh standen die ersten Leute vor dem Stadion und warteten », erzählt ein Mitarbeiter der lokalen Tageszeitung. Um halbacht zieht sich die Schlange vor der Halle endlos den Hügel hinauf, verläuft kreuz und quer über den Parkplatz – und immer noch stellen sich weitere Schaulustige hinten an.

Als es neun Uhr wird und man kaum vorwärts gekommen ist, glaubt niemand mehr wirklich daran, es noch ins Stadion zu schaffen. Doch dann geht alles plötzlich schnell: Die Sicherheitsleute winken die Wartenden durch. Jene, die die Hoffnung längst aufgegeben haben und etwas abseits diskutieren, entdecken plötzlich einen zweiten Eingang, vor dem nur ein gutes Dutzend Leute stehen.

Später erzählt eine Radiojournalistin ihren Hörerinnen und Hörern, dass es Probleme gegeben habe mit den Metalldetektoren: Diese seien – je nach Quelle – entweder ausgefallen oder zu spät geliefert worden. Jedenfalls wird nun allen ungeprüft Einlass gewährt, weil die Zeit knapp geworden ist. Schliesslich kann man Sarah Palin nicht einfach warten lassen: Nach ihrer Rede hier in Cape Girardeau stehen ihr noch drei Wahlveranstaltungen in weiteren Bundesstaaten bevor.

Hastig werden in der Halle die üblichen Utensilien verteilt: McCain/Palin- und «Country First»-Schilder sowie rote und weisse Pom-Poms. Während die lokale Jazzrock-Gruppe weitab des Geschehens ihre Instrumente zusammenpackt, geben sich die lokalen Politiker im Minutentakt das Mikrofon in die Hand und lesen mehr schlecht als recht die immer gleichen Parolen von den offiziellen Manuskripten ab.

Pünktlich um 9.30 Uhr betritt Sarah Palin mit ihrem Mann Todd im Schlepptau die Bühne, schüttelt Hände, deutet lässig mit dem Zeigefinger auf die Vertreter der lokalen Parteiprominenz und lässt den tosenden Applaus auf sich einwirken.

Was dann folgt ist Routine. Dutzende Male hat Palin diese Rede schon gehalten und sie weicht nur dann vom Redetext ab, wenn sie den Faden kurz verliert, wenn ihr ein Wort fehlt, oder wenn sie geschickt einen lokalen Bezug einflechtet.

Ob es denn überhaupt etwas bringe, dass Sarah Palin diese Rede, die die meisten hier schon kennen, noch einmal halte, will ich von einer freiwilligen Helferin wissen: «Ja doch! Es geht hier darum, die Leute für die Wahlen zu begeistern und sie dazu anzutreiben, ihre Freunde und Familien ebenfalls für das republikanische Ticket zu gewinnen.»

Vor dem Stadion treffe ich auf einen Wahlkampfhelfer, der seit Wochen quer durchs Land reist, um Freiwillige zu rekrutieren. «Ich weiss nicht, was mit diesem Land los ist», sagt er mit einem Kopfschütteln. Laut Umfragen sei Obama der Sieger, «aber überall, wo ich war, habe ich wesentlich mehr McCain-Schilder gesehen. Irgendetwas ist da faul. Am Schluss werden wir tatsächlich noch gewinnen.»

Als zwei Veteranen in Uniform und mit Flaggen vorbeigehen, kommt der Helfer sofort mit ihnen ins Gespräch. Alle drei regen sich fürchterlich auf über vier Tunichtgute, die ihren Pickup-Truck direkt vor dem Stadion parkiert haben. Der Truck ist mit Obama-Klebern dekoriert, die vier trinken Bier aus Dosen und tragen Jungsmode mit Camouflagemuster. Freunde machen sie sich hier damit keine. «Das ist uns egal», sagt der, der von seinen Kollegen Jeb genannt wird. «Die Leute sollen sehen, dass es hier nicht nur Rednecks gibt.»

Währenddessen werden die Sirenen von Sarah Palins Polizeieskorte im Hintergrund immer leiser und ins Auto nebenan steigt ein junger Mann ohne T-Shirt. Auf seinem Rücken steht mit roter Farbe geschrieben: «Obama is a baby-killer.»

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