Bis zur letzten Minute

Barack Obama hat es in seinem Wahlkampf verstanden, Tausende von Freiwilligen zu rekrutieren. Das ist Teil seines durchschlagenden Erfolgs und Zeichen dafür, dass er nicht nur Parteipolitik macht, sondern eine soziale Bewegung in Gang gesetzt hat, die noch viele Veränderungen auslösen wird in diesem Land.

Gestern Montag war ich mit Michelle aus Chicago, Illinois, unterwegs im Nachbarstaat Indiana. Sie hat sich über moveon.org bereit erklärt, während ein paar Stunden in Hammond von Tür zu Tür zu gehen und die Leute daran zu erinnern, dass am Dienstag die Wahlen stattfinden. Sie verteilte Unterlagen, auf der die Adresse des nächsten Wahllokals und dessen Öffnungszeiten zu finden sind – natürlich zusammen mit dem Aufruf, für Obama zu stimmen.

Solche Freiwilligeneinsätze sind in den USA weit verbreitet, nicht nur in der Politik. In einem Büro in Columbia, Missouri, habe ich Leute getroffen, die seit einem Monat 30 bis 40 Stunden pro Woche freiwillig Wahlkampfhilfe leisten.
Nach ihrer Ankunft in Hammond, erklären ihr die Leute vor Ort, was ihre Aufgabe sein wird: «Das Gebiet hier hat die zweitgrösste Einwohnerzahl in Indiana. Und wie Indianapolis wird hier mehrheitlich demokratisch gewält. Unser Ziel ist es, die Wahlbeteiligung soweit zu erhöhen, dass die ländlichen Gebiete uns nicht überstimmen können.»

Michelle erhält von einer Helferin die Unterlagen: Wahlinformationen, Werbematerial, ein Stadtplan und eine Liste mit Adressen von Leuten, die als potentielle Wähler eingestuft wurden.

Hier in den USA haben die Parteien detaillierte Datenbanken über das Wählerverhalten. So wissen sie zum Beispiel, wer in den Vorwahlen welchem Kandidaten die Stimme gegeben hat oder für welche Partei jemand registriert ist. Auch Informationen, die in persönlichen Gesprächen gesammelt wurden, sind festgehalten.

Mit diesen Unterlagen im Gepäck macht sich Michelle auf den Weg. Mit ihr geht John, ein Schwarzer, der ebenfalls aus Chicago angereist ist. Nach einigem Suchen finden sie das richtige Quartier und sie teilen sich auf: Michelle nimmt jeweils die linke Strassenseite, John die rechte.

Das Quartier wird in erster Linie von Leuten bewohnt, die der unteren Mittelklasse angehören. Die Häuser sind einfach gebaut, die Vorgärten sauber, aber meist etwas lieblos und mit Zäunen umgeben, was den Eindruck erweckt, dass Besucher hier nicht gerne gesehen sind. Am einen Ende der Strasse verläuft ein achtspuriger Highway.

Michelle hat zunächst nicht viel mehr zu tun, als von Tür zu Tür zu gehen, anzuklopfen und Werbung an die Türfallen zu hängen. Die Erklärung dafür ist einfach: Es ist Montagmorgen um 10 Uhr und da sind die meisten Leute am Arbeiten. Vor einem Haus aber, das nicht auf ihrer Liste ist, sind mehrere junge AfroamerikanerInnen und wischen das Laub zusammen.

Michelle fragt sie, ob sie schon gewählt haben. Die Älteste antwortet, dass von ihnen niemand wählen werde. Warum, wollen sie nicht sagen. Michelle verabschiedet sich und sagt: «Nun, das ist eure Wahl. Wir leben in einem freien Land.» Zu mir gewendet, sagt sie, dass es viele Schwarze gäbe, die nicht für Obama stimmen wollen, weil er «zu weiss» sei.

Zwei Strassen weiter ist endlich jemand zu Hause. Es ist ein Mann um die fünfzig, der Schwierigkeiten hat beim Gehen. Er hat mehrere Operationen hinter sich und muss einen Katheter tragen. «Ich werde auf jeden Fall wählen gehen morgen!» sagt er. Und ja, er werde für Obama stimmen. «Die Republikaner haben mein Leben nur immer noch schlimmer gemacht.»

Er sei unsicher, sagt der Mann weiter, ob er so lange in der Schlange stehen könne. Michelle erklärt ihm, dass er sich bei den Verantwortlichen vor Ort melden solle, die würden ihn sicher reinlassen, ohne dass er anstehen müsse. Ob er jemanden brauche, der ihn hinfahre. «Nein, ich werde mit meinem Nachbarn hinfahren. Das ist kein Problem.»

Auf dem Rückweg zur Zentrale sagt John zu Michelle, es seien zwar nur drei Stunden gewesen, «aber ich fühle mich gut! Es gibt mir das Gefühl, etwas beigetragen zu haben zu diesem historischen Moment.»

Nachdem Michelle und John ihre Unterlagen vervollständigt und abgegeben haben, dankt ihnen der Einsatzleiter und fragt, ob sie nicht am Dienstag nochmals vorbeikommen könnten. «Wir brauchen Hilfe bis zur letzten Minute.» Doch Michelle und John müssen absagen, Kinder und Arbeit hindern sie an einem weiteren Einsatz. Dass Obama gewinnen wird, ist für sie aber klar. «Unser Land hat diesen Mann dringend nötig», sagt John zum Abschied.

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