Chicago feiert seinen Präsidenten

«Es war ein langer Weg von der Sklaverei bis zum ersten Schwarzen Präsidenten», sagte James DePaoli auf die Frage, was ihm nun durch den Kopf gehe. Augenblicke zuvor hatte der Fernsehsender CNN Barack Obama zum 44. US-Präsidenten der erklärt. Die gegen 250’000 Menschen im Grant Park von Chicago jubelten, kreischten, klatschten und strahlten. Manche standen still da, falteten die Hände vor ihrem Gesicht und genossen den Moment in innerer Stille. «Ich werde nie nicht vergessen, wo ich am 4. November 2008 um etwa 22 Uhr war.» DePaoli lachte und umarmte seine Freundin.

Kurz nach Bekanntgabe der Hochrechnungen trat in Phoenix, Arizona, Obamas Kontrahent John McCain vor die Mikrofone. Einige Menschen im Grant Park buhten, doch sie wurden von der Mehrheit zur Ruhe gebracht. Nie war es an diesem Abend am Lake Michigan so ruhig wie in dem Moment, als McCain seine Ansprache begann. Nach seiner Rede klatschen die Menschen in Chicago. Sie würdigten damit den Respekt, mit dem McCain ihnen in diesem Moment gegenüber getreten war.

Einige Zeit später wurde die Übertragung des CNN-Programms gestoppt und auf den Bildschirmen war die für Obama vorbereitete Bühne zu sehen. Eine Sängerin, bei der sich alle fragten, wer das denn nun sei, sang die Nationalhymne, bevor über die Lautsprecher Lieder von Stevie Wonder und Bruce Springsteen gespielt wurden. Die Menschen warteten, von Minute zu Minute etwas ungeduldiger. Viele von ihnen waren seit 15 Uhr oder noch länger hier, hatten Durst und Hunger. «Wenigstens ist das Wetter gut; ungewöhnlich warm für einen Novembertag in Chicago», sagte der 38-jährige Jeff Borland. «Selbst die Wettergötter meinen es gut mit Obama.»

Auf den Bildschirmen waren währenddessen Aufnahmen aus dem nicht frei zugänglichen Bereich der Wahlfeier im südlichen Teil des Parks zu sehen. 70’000 Helferinnen und Helfer, Freunde Obamas und Offizielle hatten eine Eintrittskarte erhalten, die Schaulustigen waren nur ausserhalb dieses Bereichs zugelassen. Immer wieder war Oprah Winfrey zu sehen; und Jesse Jackson, der Tränen in den Augen hatte. Das «Fussvolk» nahm das belustigt zur Kenntnis und diskutierte die Möglichkeiten, wie man nach der Rede Obamas wohl am schnellsten nach Hause komme.

Um 23 Uhr endlich betrat der neue US-Präsident mit seinen beiden Töchtern und seiner Frau Michelle die Bühne. «Sie wird eine wunderbare First Lady sein», sagte eine Frau in diesem Moment zu ihrem Partner. Michelle Obama sei der Grund gewesen, wieso sie Barack ohne zu zögern ihre Stimme gegeben habe, ergänzte eine andere, die neben den beiden stand.

Als Obama alleine ans Mikrofon trat und sein Gesicht in Grossaufnahme zu sehen war, wendete sich Jeff mir zu: «Um ehrlich zu sein, dieser Mann sieht unglaublich müde aus. Es muss unmenschlich sein, einen solchen Wahlkampf zu führen.»

Obamas Rede war für seine Verhältnisse zurückhaltend, mehrmals sprach er davon, dass die Arbeit jetzt erst beginne. Er bedankte sich bei den Menschen, die zu seiner Wahl beigetragen haben: «Dies ist euer Sieg!» Die Menge feierte ihn, der vor 23 Jahren in ihre Stadt gezogen war und es jetzt ins höchste Amt des Landes geschafft hatte. Jeff: «Er war einer von uns, als er als Sozialhelfer hier arbeitete. Und ich hoffe, er wird einer von uns bleiben.»

Manchen Leuten rannen die Tränen übers Gesicht. Wenn es die Dramaturgie der Rede zuliess, wurde gejubelt und geklatsch. Nach der Rede Obamas leerte sich der Park schnell, die Menschen strömten zur Hochbahn, zu den Bussen oder machten sich zu Fuss auf zu den Parkplätzen ausserhalb der Innenstadt.

An einer Ecke stand ein rund 60-jähriger Mann, spielte ausgelassen falsche Harmonien auf seiner Gitarre und dichtete in kinderart Obama-Reime dazu. Im Minutentakt wechselten sich die Fernsehteams ab, um den Mann zu filmen, bevor sie weiterzogen.

Kurz nach Mitternacht war der Spuk vorbei. «Obwohl einer aus Chicago zum Präsidenten gewählt wurde, ist hier am Mittwoch kein Feiertag», erklärt mir ein Polizist. «Das heisst: Zurück an die Arbeit. So wie es Barack Obama von uns will.»

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