«Der Bund»: C. W. Stoneking

C. W. Stoneking ist einer der erstaunlichsten Musiker, die mir in den letzten Jahren untergekommen sind. Da habe ich natürlich mit Freude für den «Bund» eine Vorschau auf das Konzert im Berner ISC geschrieben. Heute ist sie unter dem Titel «Ein 37-Jähriger mit Jahrgang 1920» in der «Berner Woche» erschienen:

So lustvoll wurden wir schon lange nicht mehr belogen: C. W. Stoneking und das Primitive Horn Orchestra wissen, dass wir nicht in den 20er-Jahren leben. Sie tun trotzdem so, als ob.

Die Fakten scheinen harmlos: C. W. Stoneking ist 37-jährig, lebt in Australien und verdient seinen Lebensunterhalt mit Musik. Die Wirklichkeit aber ist vielschichtiger. Auf Fotos wirkt Stoneking wie ein Preisboxer aus den 20er-Jahren, seine Musik hat mehr mit dem Mississippidelta zu tun als mit der australischen Wüste, und ob Christopher William oder vielmehr (so eine Legende) Chicken Wings Stoneking sein richtiger Name ist, weiss niemand so genau.

In Europa wurde man vor knapp vier Jahren erstmals auf den Australier aufmerksam. Damals veröffentlichte Reverend Beat-Man auf seinem Berner Plattenlabel Stonekings Debüt «King Hokum» – ein Album, das einem wegen des klapprigen Banjos und des astreinen, altertümlichen und nach einer Weile leider etwas eintönig wirkenden Blues in Erinnerung blieb. Ende des letzten Jahres ist nun der Zweitling «Jungle Blues» erschienen. Und Stoneking eröffnet darauf sich selbst und dem Zuhörer neue Welten. Zwar wird die Hörerschaft wie schon auf «King Hokum» durch dieses windschiefe Banjo begrüsst. Doch schon im zweiten Takt gesellt sich eine Klarinette hinzu, gefolgt von Tuba, Perkussion, und schliesslich steht da ein kleines Orchester – und tönt wie von einer sehr alten Schallplatte eingespielt. Doch wie Stoneking selbst lebt auch dieses Orchester im Hier und Jetzt und tut nur so, als stamme es aus dem New Orleans der 20er-Jahre.

Westernjodel und Calypso

Genannt wird diese Truppe das Primitive Horn Orchestra. Und genau das ist es auch: ein kleiner Haufen vermeintlich gescheiterter Gestalten mit verbeulten Blechinstrumenten und ein paar längst bekannten Melodien. Was «Jungle Blues» von seinem Vorgänger unterscheidet, ist die stilistische Vielfalt, die offensichtlich zusammen mit dem Orchester Einzug gehalten hat. Noch immer spielt sich zwar alles irgendwann in den Jahren zwischen den Kriegen ab, doch ist die reine Lehre des Blues in den Hintergrund gerückt und hat weiteren altmodischen Stilen Platz gemacht: «Talkin’ Lion Blues» ist ein Westernjodel, «Jungle Lullaby» ein besinnlicher Beerdigungsmarsch und «Brave Son of America» ein dezent leichtfüssiger Calypso. Dabei sind auch immer wieder diese alten Jazzfiguren sowie Gospelelemente auszumachen.

Nachdem die Eckpfeiler dieser Musik ausgemacht sind, ist es an der Zeit, in deren atomaren Kern vorzustossen, der all dies zusammenhält. Es ist Stonekings Gesang, bestehend aus der Stimme des Präsentators in einem Varieté-Theater und dem Englisch eines leicht betrunkenen Seemanns, dessen Seele voller Heimweh und Liebeskummer scheint. Da hat einer gelernt zu singen wie unsere Ahnen, und wir nehmen dies als Einladung zu einer Reise in die musikalische Vergangenheit gerne an, denn die Wirkung ist dieselbe wie bei einer Woche abseits jeglicher Mobilfunkabdeckung: Uns überkommt eine seltsam anmutende Ruhe, von der wir schon fast vergessen haben, dass uns danach dürstet.

Es ist schon höchst erstaunlich, welch aktuellen Mix Stoneking mit seiner Musik hinkriegt – gebastelt aus Elementen, die allesamt fast hundertjährig sind und trotzdem nichts Ewiggestriges ausstrahlen. Er schafft dies dank des völligen Verzichts auf binär gesteuerte Maschinen. Viel lieber konstruiert er allzu offensichtliche Räubergeschichten und bugsiert uns damit an die Gestade des Mississippi oder an die Küsten Afrikas. Offenen Auges lassen wir uns dabei von Stoneking einen Bären aufbinden, weil er uns nie vormacht, uns nichts vorzumachen.

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